Sonntag, 31. Mai 2015

Kurzgeschichte: Das Gemälde - 1. Teil

Foto: Yvonne Voigt/Pixelio.de
„Oh nein!“, stöhnte Helena, als sie das dichte Gedränge vor sich sah. Das hätte sie sich ja denken können! Es war Sonntag und die Leute hatten nichts besseres zu tun, als auf dem Marktplatz in allerlei Ramsch zu wühlen. Dabei hatte sie aufgrund der glühenden Hitze darauf spekuliert, dass die meisten ins Freibad gehen würden. Schwitzend schob sie sich hinter Katie durch die Menge. Wie sie es hasste! Sie hatte nur zugestimmt, weil Katie nicht locker gelassen hatte. „Los, du alte Stubenhockerin. Lass uns mal etwas unternehmen“, hatte sie gesagt und Helena vor die Wahl gestellt: Freibad oder Flohmarkt. Letzteres hielt Helena für das geringere Übel. Doch mittlerweile bereute sie ihre Entscheidung. Ihr schwarzes Kleid klebte an ihrer Haut, obwohl sie erst vor zwanzig Minuten das Haus verlassen hatte und ihr düsteres Make-up drohte zu verlaufen. Helenas Gothicgarderobe war für diese Jahreszeit einfach nicht gemacht.

“Schau mal, eine Plattensammlung!“ Katie packte Helena am Arm und zog sie zu einem Stand, der mit Schallplatten überhäuft war. „Mal sehen, ob ich die Beatles finde“, sagte sie und wühlte einen Stapel durch. Schallplatten im Zeitalter von MP3 und Musikstreaming? Nein, danke. Helena hatte ja nicht einmal ein Abspielgerät. Ganz im Gegensatz zu Katie, die jubelnd ein Exemplar von „Abbey Road“ herausfischte. „Das nehme ich!“, sagte sie zu dem Verkäufer, einem Mann um die fünfzig mit Igelfrisur und Ohrstecker, und begann, mit ihm um den Preis zu feilschen.

Auf einmal fiel Helenas Blick auf ein Objekt am Nachbarstand. Sie bekam Herzklopfen. „Oh mein Gott“, rief sie, „schau dir das mal an, Katie!“ Noch ehe ihre Freundin sich umdrehen konnte, war Helena zu dem Stand hinüber gegangen. „Das würde super in mein Wohnzimmer passen!“, rief sie. Skeptisch betrachtete Katie das Gemälde, vor dem Helena sich niedergekniet hatte. Es stand etwas abseits von den anderen Gütern und wenn Helena es nicht entdeckt hätte, wäre es ihr gar nicht aufgefallen. „Also, ich weiß nicht“, sagte sie, „Ich würde mir das Ding nicht mal in den Keller hängen.“ Helenas Augen leuchteten. „Ich finde es umwerfend! Schau nur, die feinen Pinselstriche. Es sieht beinahe aus wie ein Foto.“ In der Tat wirkte das kleine, viktorianische Mädchen, das in einem schwarzen Kleidchen steckte und auf einem Podest hockte, verblüffend real. Doch genau das war es, was Katie Unbehagen bescherte. „Diese dunklen Augen und die blasse Haut - ich finde das gruselig“, bemerkte sie. „Das ist es ja gerade, was mir daran so gefällt. Dieses Mystische. Sie sieht aus, als hätte sie etwas zu verbergen.“ Helena lächelte zufrieden und hob das Gemälde hoch. Es hatte etwa die Größe eines Laptops und steckte in einem breiten Goldrahmen.
„Wie viel kostet das?“, fragte sie den alten Verkäufer, der gerade damit beschäftigt war, einem anderen Kunden eine Kaffeemühle vorzuführen. „Einen Moment“, sagte der Alte zu dem anderen Kunden und beugte sich zu Helena über die Theke, sodass ihr sein nach Zwiebeln miefender Atem in die Nase zog. „Hören Sie, das ist nicht irgend ein Bild. Zu diesem Gemälde gibt es unheimliche Gerüchte“, flüsterte er. „Was denn für Gerüchte?“ „Man sagt, dass das Bild jeden, der es besitzt ins Unglück stürzt.“ Helena lachte laut auf. „Das glauben Sie doch selbst nicht.“ „Und ob! Es heißt, ein uralter Fluch laste auf dem Bild.“ „Im Ernst jetzt?“ „Ehrenwort.“ Helena kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe herum. „Das macht die Sache natürlich noch viel interessanter“, sagte sie schließlich, „Ist der Fluch inklusive oder mit Aufpreis?“ Katie stieß Helena in die Rippen. „Lass besser die Finger von dem Bild“, raunte sie. Der Verkäufer sah Helena mitleidig an. „Ja, hören Sie besser auf Ihre Begleiterin. Mit Flüchen ist nicht zu spaßen.“ „Nun reicht’s mir aber“, Helena wurde knallrot, „Nur weil ich ein Grufti bin heißt das noch lange nicht, dass ich Ihnen jeden abergläubischen Mist abnehme. Verkaufen Sie mir jetzt das Bild oder nicht?“ Der Mann zuckte mit den Achseln. „Ganz wie Sie wollen. Ich kann Sie ja nicht zwingen, mir zu glauben“, sagte er, „Das Bild können Sie haben. Betrachten Sie es als ein Geschenk des Hauses.“ „Wirklich?“ Helena konnte ihr Glück kaum fassen. „Ja, nehmen Sie es und verschwinden Sie damit. Aber denken Sie daran: Rücknahme ist ausgeschlossen.“

„Bist du eigentlich wahnsinnig?“, fauchte Katie, als sie den Stand verließen. „Warum, glaubst du etwa an den Humbug?“ „Was, wenn es kein Humbug ist?“ Helena lachte. „Katie, seid wann bist du denn so naiv?“, fragte sie. „Ich bin nicht naiv“, verteidigte sich Katie, „Ich finde die ganze Geschichte nur ziemlich gruselig. Ich glaube nicht, dass das Bild positive Energie in deine Wohnung bringen wird.“ Auch das noch! Seit Katie diesen Selbstfindungskurs gemacht hatte, redete sie ständig von Dingen wie positiver Energie und Karma. Helena verdrehte die Augen. „Katie, das ist ein ganz normales Gemälde.“ „Warum wollte der Typ dann kein Geld dafür?“ „Wahrscheinlich war’s ein Ladenhüter.“ „Ach, und deswegen wollte er es dir mit der Fluchgeschichte ausreden? Glaub mir, ich habe ein ganz ungutes Gefühl. Mit dem Gemälde stimmt was nicht.“ „Der wollte mich bloß ärgern. Ich bin das gewohnt. Hat nur noch gefehlt, dass er Satanistenwitze über mich gerissen hätte. Dann wäre ich ihm aber an die Gurgel gegangen.“

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