Donnerstag, 4. Juni 2015

Kurzgeschichte: Das Gemälde - 2. Teil

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Foto: Yvonne Voigt/Pixelio.de
In dieser Nacht konnte Helena nicht schlafen. Ihre Dachgeschosswohnung hatte sich am Tag auf achtundzwanzig Grad erhitzt und das übergroße T-Shirt, das Helena zum Schlafen trug, klebte klatschnass auf ihrer Haut. Hinzu kam ein heftiges Hitzegewitter, dass sich über der Stadt entlud. Das dumpfe Grollen des Donners schreckte Helena jedes Mal auf, wenn sie gerade weggedämmert war. Sie schielte im Fünfzehn-Minutentakt auf die Zeitanzeige ihres Radioweckers und rechnete sich in Gedanken aus, wie viel Zeit ihr noch zum Schlafen blieb. Um halb zwölf hatte sie schließlich genug und stand auf. Vom Hin- und Herwälzen würde ihre Schlaflosigkeit auch nicht besser. Sie ging ins Wohnzimmer, setzte sich aufs Sofa und schaltete den Fernseher ein. Sie zappte eine Weile herum, bis sie schließlich bei einer Dokumentation über UFO-Sichtungen in den USA hängen blieb.

Auf einmal zeriss ein besonders heller Blitz die Dunkelheit, sofort gefolgt von polterndem Donner. Erschrocken fuhr Helena zusammen. In diesem Moment gingen sowohl Licht als auch Fernseher aus. „Nicht auch noch ein Stromausfall", jammerte sie, und stand auf. Wie sollte sie sich denn jetzt die Zeit vertreiben? Sie ging zu ihrer Vitrine, holte ein paar Kerzen heraus und platzierte sie auf dem Wohnzimmertisch. Sie zündete die Dochte an und ließ sich wieder aufs Sofa fallen. Die Möbel warfen lange Schatten im dämmrigen Kerzenschein. Sie betrachtete das Gemälde, das an der Wand lehnte. Die weiße Haut des Mädchens schimmerte im Halbdunkel noch heller, als sie es bei Tageslicht getan hatte und die tiefschwarzen Augen bohrten sich in Helena, als würden sie versuchen, ihre Gedanken zu ergründen. Ein weiterer Blitz flammte durch die zugezogenen Vorhänge. Donner wie Paukenschläge. Regenprasseln.
 
Plötzlich zuckte Helena zusammen. Das Mädchen - hatte es eben die Augen bewegt? Da! Schon wieder! Ihr Herz pochte. Eine Lichtreflexion vielleicht? Helena stand auf und ging zu dem Gemälde hinüber. Sie kniete sich davor und sah ihm genau in die Augen. Starr glotzten sie aus ihren tiefen Höhlen zurück. Sie hatte es sich wohl eingebildet. Doch im nächsten Augenblick sprang sie kreischend auf. Der Mundwinkel! Er hatte eindeutig gezuckt!
 
„Ganz ruhig, du bist nur übermüdet", redete sie sich ein, doch ihr Puls war auf hundertachtzig. Was, wenn Katie doch recht gehabt hatte und etwas mit diesem Bild nicht stimmte?
 
Mit einer Kerze in der Hand eilte sie ins Schlafzimmer. Sie griff nach ihrem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und wählte Katies Nummer. Es tutete. Bitte nimm ab, flehte sie in Gedanken. Vergeblich. Ein Blick auf ihren Radiowecker verriet ihr, dass es kurz nach Mitternacht war. Entmutigt legte sie auf. Sie zog die Luft tief in ihre Lungen und ließ sie dann langsam herausströmen. Von dieser Übung hatte ihr Katie nach ihrem Selbstfindungskurs vorgeschwärmt. Sie soll binnen Sekunden entspannen. Und tatsächlich - das Pochen in ihren Ohren wurde leiser und sie musste gähnen. Gut so! Jetzt würde sie die Kerzen löschen und ins Bett gehen.
 
In diesem Moment polterte es! Helena fuhr herum. Das Geräusch kam aus dem Wohnzimmer!
 
Das Licht der Kerze zitterte, als sie so leise wie möglich die Schlafzimmertür öffnete und hinaus spähte. Ein beißender Geruch stieg ihr in de Nase. Sie blieb stehen und schnüffelte. Unwillkürlich musste sie an letztes Frühjahr denken, als sie mit Katie die Wände frisch gestrichen hatte.
 
Prüfend beäugte sie das Wohnzimmer. Das Gemälde! Es war umgekippt und lag mit der Vorderseite auf dem Teppich. Mit spitzen Fingern hob sie es auf - und erstarrte! Wo einst das viktorianische Mädchen gesessen hatte, war nichts als ein großer, dunkler Fleck.

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