Samstag, 13. Juni 2015

Kurzgeschichte: Das Gemälde - 3. Teil

Neu dabei? Hier geht's zum ersten und zweiten Teil.


Foto: Yvonne Voigt/Pixelo.de
Ein flüchtender Schatten streifte die Wand. Blitzschnell drehte sie sich um. Das Herz schlug ihr bis zum Hals. „Wer ist da?“, rief sie mit zitternder Stimme. Keine Antwort. Nur das Ticken der Wohnzimmeruhr und das gleichmäßige Flackern der Kerzen.
Sie wandte sich wieder dem Bild mit dem leeren Podest zu. Erst jetzt bemerkte sie die feuchten Farbflecken, die den Teppichboden dort, wo das Bild gelegen hatte, verklebten. Kleine Tropfen bildeten eine Spur in die Küche. Helena schnappte nach Luft. Eiskalter Schweiß rann ihr aus allen Poren. Hätte sie doch nur auf Katie und den Verkäufer gehört!
Mit wackligen Beinen stand sie auf und nahm eine der Kerzen. Auf Zehenspitzen schlich sie sich näher an die Küche heran. Ihre Knie waren weich wie Pudding. Was, wenn dort wirklich das Mädchen aus dem Bild hockte? Angst kroch in jede Faser ihres Körpers. Langsam öffnete sie die angelehnte Tür, die Kerze wie eine Fackel vor sich haltend. Das Pochen in ihren Ohren wurde immer lauter. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte sie im fahlen Licht der Kerze etwas zu erkennen. Vor lauter Anspannung biss sie sich auf die Zunge. Ein metallischer Geschmack breitete sich in ihrem Mund aus.
Plötzlich fiel das Licht auf ein paar blutrote Augen, die sie aus der Dunkelheit anstarrten. Helena schrie laut auf und ließ vor Schreck die Kerze fallen, die sofort auf dem kalten Fliesenboden verglühte. Ein leises Kichern.
Hektisch versuchte Helena sich im Dunkeln zu orientieren. Ins Bad! Sie tastete sich an der Wand entlang, bis sie die Tür zum Badezimmer fand, die sie hinter sich abschloss. Erschöpft ließ sie sich auf den Fußboden sinken. Ihr Herz hämmerte wild gegen ihren Brustkorb und ihre Glieder zitterten. Sie japste nach Luft. Das durfte doch alles nicht...
Sie lauschte. Es war still. Das Gewitter musste vorübergezogen sein.
Plötzlich, Schritte! Sie näherten sich! Helena presste ihr Ohr fest gegen die verschlossene Tür. Kleine Kinderschritte... Sie blieben direkt vor der Tür stehen. Dann folgte ein Kratzen auf Holz. Jemand scharrte mit den Nägeln an der Badezimmertür. „Verschwinde“, kreischte Helena. Ihre Eingeweide krampften sich zusammen. „Lass mich in Ruhe!“ Es kicherte wieder.
Auf einmal hörte sie die Stimme eines Mannes. War da noch jemand in ihrer Wohnung? Es dauerte einen Moment, bis sie begriff, dass der Fernseher wieder angegangen war. Der Stromausfall war vorüber! Helenas Hand tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter. Die Badezimmerlampe flammte auf und blendete ihre Augen. Im selben Moment verstummte das Kratzen.

Sie stand auf und ging zum Waschbecken hinüber, hielt ihr verschwitztes Gesicht unter den Wasserhahn. Das kühle Nass war die reinste Wohltat. Sie nahm sich ein Handtuch von der Wand und rubbelte ihre Gesichtshaut bis sie ganz rosig war. Augenblicklich hielt sie inne. War da wieder dieser beißende Geruch nach frischer Farbe? Sie sah in den Spiegel – und starrte genau in das hämisch grinsende Gesicht des kleinen Mädchens, das hinter ihr auf dem Badewannenrand hockte.

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