Samstag, 31. Oktober 2015

Halloween-Special: Die Katzenfrau

Da ich ja unter anderem auch Gruselgeschichten schreibe, dachte ich, es wäre ganz passend an Halloween eine davon zu veröffentlichen. Meine Wahl ist auf "Die Katzenfrau" gefallen, eine noch relativ neue Geschichte mit bitterbösem Ende ;) Ich hoffe, sie gefällt euch. Ich werde die Geschichte auch auf FanFiktion.de und Wattpad einstellen.

Ich wünsche euch ein schaurig-schönes Halloween!


Die Katzenfrau
Es war Halloween. Der Tag hatte den goldenen Oktober in seiner vollen Pracht präsentiert, doch jetzt hatte ihn die Dunkelheit verjagt und ein dicker Nebel waberte durch die Gassen der kleinen Stadt. Die Lichter der Straßenlaternen glänzten auf dem feuchten Asphalt und kämpften gegen die Dichte des Nebels an.

Niko, hast du deinen Hausschlüssel?“, fragte die Mutter. Es war ihr nicht besonders wohl dabei, ihre Sprösslinge bei diesem Wetter auf die Straße zu lassen.
Ja, Mama. Natürlich habe ich meinen Hausschlüssel“, antwortete Niko und deutete mit den Fingern auf seine ausgebeulte Jackentasche.
Bleibt immer zusammen, ja? Und verlasst die ausgeleuchteten Wege nicht.“
Natürlich nicht, Mama.“ Die Mutter holte ein Feuerzeug hervor und zündete die Kerzen in den Futterrüben der Kinder an.
Niko, du als Ältester übernimmst die Verantwortung für die Kleinen, hast du gehört?“
Ja, doch. Ich passe gut auf die beiden auf.“ Die Mutter wandte sich an den Jungen und das Mädchen, die beide einen Kopf kleiner als Niko waren.
Und ihr bleibt schön bei Niko, habt ihr gehört?“
Ja!“, antworteten die beiden im Chor.
Können wir jetzt endlich los?“, quengelte Niko.
Ja, viel Spaß beim Süßigkeiten sammeln. Und haltet euch von der Katzenfrau fern!“ Die Mutter lächelte, doch man sah ihr an, dass sie sich Sorgen machte. Es wird alles gut gehen, sagte sie sich. Niko war jetzt dreizehn Jahre alt, er war groß genug um auf Lena und Daniel aufzupassen.
Die Kinder zogen los, stolz ihre Kürbisse mit leuchtenden Fratzen vor sich haltend. Sie gingen die Einfahrt hinauf und bogen am Gartenzaun links ab. Bald verschwanden ihre Lichter im dicken Nebelsumpf. Die Mutter fröstelte. Alles wird gut gehen, sagte sie sich nochmals und ging ins Haus.

Wir sind die Rübengeister. Wir haben einen Meister. Der Meister hat befohlen, wir sollen Süßes holen!“
Ach ihr habt aber hübsche Kürbisse. Habt ihr die selbst gemacht?“ Lena nickte zaghaft. „Uli, schau mal! Das musst du sehen! Uli!“ Die ältere Dame, die ihre kurzen, grauen Haare in Lockenwickler gewickelt hatte, strahlte über das ganze Gesicht. „Und bring die Schokolade aus der Küche mit!“ Ein älterer Herr mit grauem Haarkranz und Schnauzbart kam an die Tür. In der Hand hielt er eine Packung Kinder-Riegel.
Na, das schau einer an“, lachte er, als er die Kürbisse sah. „Wenn das nicht die Kinder von den Schweizers sind.“ Er drückte Daniel die Kinder-Riegel in die Hand. „Hier, das ist für euch. Aber nicht alle auf einmal essen.“ Er lachte wieder. Die Kinder bedankten sich und machten sich auf den Weg zum nächsten Haus.

Hier in der Siedlung glich ein Reihenhaus dem nächsten. Die gleichen roten Ziegeldächer, der gleiche gelbliche Putz an den Wänden und die gleichen Rosenbeete vor der Haustür. Im nächsten Haus, so wussten die Kinder, lebte Frau Roswind mit ihren beiden Sprösslingen. Die junge Frau war alleinerziehend und tagsüber, wenn sie arbeiten musste, passte eine Nanny auf Charlotta und Peter auf. Die Kinder kannten die beiden aus der Schule. Sie hatten oft schon miteinander gespielt.
Daniel drückte den Klingelknopf und sie positionierten sich im Halbkreis vor der Haustür. Die Tür ging auf und Peter Roswind schob seinen blonden Schopf heraus.
Wir sind die Rübengeister. Wir haben einen Meister ...“
Mama!“
... der Meister hat befohlen ...“
Mama, komm!“
... wir sollen Süßes holen.“
Peter starrte die Kinder mit seinen hellblauen Glupschaugen an. „Mama! Da sind Rübengeister!“ Endlich kam ihm seine Mutter zur Hilfe.
Ach ihr seid das! Hallo! Ihr wollt Süßes, oder?“ Die Kinder nickten. Frau Roswind eilte zurück ins Haus und kam nach wenigen Minuten mit einer großen Tüte Gummibärchen wieder. „Hier, bitte! Viel Erfolg noch!“ Die Kinder bedankten sich und zogen weiter.

So gingen sie von Reihenhaus zu Reihenhaus und ihre Taschen füllten sich immer mehr mit allerlei süßem Zeug. Sie heimsten Komplimente für ihre schönen Kürbisse ein und bekamen gefühlte hundert mal gesagt, wie süß sie doch seien. Schließlich kamen sie beim letzten Haus mit der Nummer fünfundvierzig an.
Da wohnt die Katzenfrau“, stellte Lena fest. „Mama hat gesagt, wir sollen uns von ihr fernhalten.“
So ein Blödsinn“, wetterte Niko. „Ich werde da jetzt klingeln. Wenn die Alte sich um ihre Katzen kümmern kann, dann hat sie sicher auch etwas Süßes für uns.“
Nicht!“, rief Daniel, „Die Katzenfrau ist unheimlich. Hanno von den Küblers hat gesagt, dass sie Kinder zum Abendessen verspeist.“
Das ist doch absurd. Kein Mensch isst Kinder zum Abendessen.“
Bitte, Niko. Lass uns gehen“, drängte Lena. Sie war den Tränen nahe.
Ihr seid solche Heulsusen“, lachte Niko, „Ihr solltet euch mal sehen. Total lächerlich.“
Ich bin keine Heulsuse!“, protestierte Daniel.
Doch bist du. Buh-huh-huh!“, foppte ihn Niko.
Na warte“, zischte Daniel und ehe sich Niko versehen hatte, war sein kleiner Bruder die Treppe zur Haustür hinaufgestiegen und hatte den Klingelknopf gedrückt. Es dauerte einen Augenblick, dann öffnete sich die Haustür und eine alte Frau mit zerzausten silbernen Haaren streckte ihren schlecht gelaunten Kopf heraus.
Wir sind die Rübengeister. Wir haben einen Meister ...“, begann Daniel.
Ach ihr armen, armen Kinder. Seid ihr mit euren Rüben etwa den ganzen Abend von Haus zu Haus gezogen und das bei dieser Schafskälte?“ Das griesgrämige Gesicht der Alten lockerte sich plötzlich auf und etwas Warmes umspielte ihre Züge. „Kommt doch einen Augenblick herein und wärmt euch auf. Ich habe gute, heiße Schokolade für euch.“
Nein, danke. Wir wollten eigentlich nur ...“, begann Niko, doch die Alte ließ nicht locker.
Scheut euch nicht, ihr lieben Kinder. Kommt herein. Dann sollt ihr eure Süßigkeiten bekommen.“ Die Alte trat beiseite und winkte die Kinder zu sich ins Haus. Niko und Lena blieben wie angewurzelt stehen, doch Daniel trat mutig über ihre Schwelle.
Nicht, Dani! Wir sollten doch zusammen bleiben!“ Niko war auf einmal kreidebleich. So hatte er sich das nicht vorgestellt. Klingeln ja, aber bei Fremden ins Haus gehen?
Na, kommt schon!“, lächelte die Alte. Plötzlich setzte sich auch Lena in Bewegung und betrat das Haus der Katzenfrau. Nun blieb Niko nichts anderes übrig, als seinen beiden Geschwistern ebenfalls zu folgen. Schließlich hatte er seiner Mutter versprochen, gut auf sie aufzupassen.
Zufrieden schloss die Alte die Tür hinter ihnen und deutete auf den krummen Garderobenständer, an dem bereits bunte Kinderjacken hingen. Seltsam, dachte Niko. Hatte die Alte etwa Enkel? Sie entledigten sich ihrer Jacken und Schuhe und folgten dann der Katzenfrau in die Küche, die sich gleich an die Garderobe anschloss. Die Alte öffnete den Kühlschrank und holte eine Glasflasche mit Milch heraus. Sie goss sie in einen kleinen Topf und stellte diesen auf den Herd. Dann nahm sie eine Packung mit dunkelbraunem Pulver aus dem Schrank und rührte es langsam in die Milch ein. „Ihr werdet sehen, ich mache den besten Kakao in der ganzen Stadt“, lachte sie und entblößte dabei ihren nackten Oberkiefer, an den sich lediglich noch zwei Zahnstumpfe klammerten. Tatsächlich roch der Kakao köstlich und als er auf dem Herd zu dampfen begann, nahm die Alte ihn herunter und goss ihn in drei kleine Tassen, die sie den Kindern, die inzwischen am Tisch platzgenommen hatten, auf einem Tablett servierte. „Dann lasst es euch schmecken“, kicherte sie. „Aber seid vorsichtig. Der Kakao ist heiß!“ Jedes der Kinder nahm sich eine Tasse, schnupperte zunächst an dem heißen Getränk und nahm dann vorsichtig einen Schluck. Der schokoladige Geschmack zerging auf der Zunge und sie konnten nicht anders, als die ganze Tasse auf einmal auszutrinken. Die Alte sah ihnen dabei zufrieden zu. „Trinkt nur, ihr lieben Kinder“, säuselte sie. Auf einmal begann sich die Küche zu drehen. Panisch schaute Niko die alte Frau an, doch sie saß immer noch selig lächelnd da und sah ihnen beim Trinken zu. Zuerst verschwamm die Alte vor seinen Augen, dann sah er sie plötzlich doppelt.
Irgendwas stimmt hier nicht“, sagte Niko. Die Küche drehte sich immer schneller und er verlor den Boden unter den Füßen.
Mir ist so schwindlig ...“, sagte Daniel plötzlich. Dann sank sein Kopf auch schon auf die Tischplatte.
Nein, Dani, bleib wach“, rief Niko. Er sah zu Lena. Sie saß zusammengesunken auf ihrem Stuhl und ihr Kopf ruhte auf ihrer Schulter. „Nein, ihr müsst wach bleiben! Hört ihr mich! Ihr müsst ... wach ... bleiben! Ihr ... dürft ... nicht ... schlafen ...“ Eine dunkle Wolke bereitete sich in Nikos Kopf aus. Er versuchte standhaft, dagegen anzukämpfen, doch sein Blick verschleierte sich immer mehr. Er hörte ein Kichern, das zu einem immer lauter werdenden Lachen anschwoll. Es dröhnte ihm in den Ohren, brachte seinen Kopf fast zum zerplatzen. Er fiel. Immer tiefer und tiefer. In einen endlos scheinendenden Tunnel.

Niko riss die Augen auf. Um ihn herum war es dunkel und feucht. Wo war er? Er rieb sich den Kopf. Schattenhafte Erinnerungen flatterten vor seinem inneren Auge vorbei. Die Katzenfrau! Sie waren ihr ins Haus gefolgt und hatten Kakao getrunken. „Daniel! Lena!“ Keine Antwort. “Seid ihr hier?” Es war mucksmäuschenstill. Lediglich das Tropfen eines Wasserhahns irgendwo in der Nähe war zu hören. Niko blinzelte. Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Er erkannte einen großen Gegenstand gegenüber von ihm. Mühsam stand er auf. Ihm taten alle Knochen weh und sein Kopf dröhnte. Langsam zeichneten sich die genauen Umrisse des Gegenstandes ab. Ein Tisch! Und davor stand ein Stuhl. Er ging zu den Möbelstücken hinüber und fuhr mit der Hand über die Tischplatte. Sie fühlte sich feucht an. Es stank. Zuerst hatte er es für gewöhnlichen Kellermief gehalten, doch jetzt erkannte seine Nase etwas anderes. Es roch nach Metall. Merkwürdig, wo doch Tisch und Stuhl eindeutig aus Holz gefertigt waren. Das stete Tropfen kam ganz aus der Nähe. Er sah sich um, konnte aber nirgends ein Waschbecken oder etwas Ähnliches erkennen. Er ging um die Tischplatte herum und das Tropfen wurde immer deutlicher. Wenn er doch nur eine Taschenlampe hätte. Aber natürlich, sein Handy! Er zog es aus der Tasche und leuchtete damit die Umgebung ab. Er befand sich in einer Art Kellerraum, der bis auf ein paar Holzkisten, den Tisch und den Stuhl völlig leer war. An der Decke liefen Wasserrohre entlang. Sein Blick fiel auf den Tisch. Sein Atem stockte. Panisch riss er die Augen auf. War das ...? „Blut! Der ganze Tisch ist voller Blut!“ Es lief in einem Rinnsal über die Tischplatte und tropfte auf der gegenüberliegenden Seite auf den Boden hinunter.

Nikos Herz raste. Was war hier los? Und wo waren seine Geschwister?

Er suchte die Wände nach einer Tür ab und fand sie schließlich gleich neben dem Platz, wo er aufgewacht war. Sie hatte keine Klinke, nur einen Knauf. Doch so sehr er auch drückte und versuchte, den Knauf zu drehen, die Tür war abgeschlossen und ließ sich nicht öffnen. „Hilfe!“, rief er. „Kann mich jemand hören? Ich bin hier eingesperrt! Hilfe!“ Er donnerte mit den Fäusten gegen die Tür, doch sie öffnete sich nicht. Mut- und kraftlos ließ er sich zu Boden sinken. Ein lautes Schluchzen entfuhr seiner Kehle. Es war hoffnungslos!

In diesem Moment vernahmen seine Ohren ein immer lauter werdendes Geräusch. Schritte! Sie kamen direkt auf ihn zu! Sein Puls beschleunigte sich. War das die Alte? Würde sie ihn jetzt abschlachten?

Die Schritte stoppten vor der Tür. Dann gab es das Geräusch, als wenn ein Schlüssel ins Schloss gesteckt und langsam umgedreht wurde. Niko hielt den Atem an. Gleich würde sich die Tür öffnen, und dann...

Doch zu seiner Verwunderung entfernten sich die Schritte wieder. Jemand hatte aufgeschlossen, doch war nicht hereingekommen. Was hatte das zu bedeuten? Vorsichtig näherte sich Niko der Tür und nahm den Knauf in die Hand. Ganz langsam drehte er ihn und mit einem Klack sprang die Tür auf. Behutsam öffnete er sie und schob sich hinaus. Er leuchtete mit seinem Handy den Raum ab. Er befand sich noch immer in einem Kellerraum, aber von hier aus führte eine Treppe nach oben. Sollte er die Treppe hinaufsteigen? Was würde ihn oben erwarten? Ein Blutbad?

So leise er konnte schlich er die Treppenstufen empor. Schritt für Schritt näherte er sich einer Holztür, die sich am Ende der Treppe befand. Als er auf der letzten Treppenstufe ankam, drückte er vorsichtig die Klinke hinunter und machte die Tür einen dünnen Spalt breit auf, gerade so weit, dass er hindurch schauen konnte. Die Tür mündete offensichtlich im Wohnzimmer, denn er erkannte einen brennenden Kamin, ein dunkelgrünes Sofa und jede Menge Katzen, die sich darauf rekelten. Sollte er sich hinaus wagen?

Er öffnete die Tür weiter und streckte seinen Kopf durch den Spalt. Von der Katzenfrau war weit und breit nichts zu sehen. Niko betrat das Wohnzimmer und sah sich um. Die Katzen schnurrten ihn leise an, fast als wollten sie ihn begrüßen. Sie kamen auf ihn zu und schmiegten sich an seine Hosenbeine. Vor dem Feuer standen Näpfe, prall gefüllt mit roten Fleischbrocken. „Na, da habt ihr ja ein ganz besonderes Leckerli, was?“, sagte Niko und lächelte. Neugierig ging er im Zimmer herum und sah sich um. Irgendetwas stimmte hier nicht. An der Wand stand eine große Standuhr mit goldenem Pendel. Es war kurz nach acht. Die Mutter würde sich sicher schon Sorgen machen, wo sie blieben. Sie waren bereits um halb sieben losgezogen. Sein Blick fiel auf das Feuer. Irgendwelche Lumpen lagen darin und verbrannten. Er ging näher heran. Es roch nach verbrannten Textilien.

Die Wahrheit schlug ihm wie eine eiserne Faust mit voller Wucht ins Gesicht. Er erkannte plötzlich den roten Kinderpulli und die kleine hellblaue Bluse, die dort im Feuer lagen! Er wollte schreien, doch im wurde schwindlig und er musste sich aufs Sofa setzen. Eine schwarze Katze kauerte neben ihm und kaute auf einem kleinen Knochen herum.

Daniel! Lena! Wo waren seine Geschwister? Was hatte diese alte Hexe mit ihnen gemacht? Die Katze sprang auf und ließ ihren Knochen vor Nikos Füße fallen. Niko kickte ihn mit dem Fuß in eine Ecke. Noch just in dem Moment, in dem sein Fuß den Knochen traf, realisierte er, was er da eben weggekickt hatte. Erschrocken sprang er auf und eilte zu den Ecke hinüber. Es gab keinen Zweifel: Das war kein Knochen sondern ein Kinderfinger!

Das Katzenfutter! „Sie hat meine Geschwister an die Katzen verfüttert!“, schrie er und Tränen schossen ihm in die Augen. Hätte er in diesem Moment nicht vor Verzweiflung die Hände vor’s Gesicht geschlagen, dann hätte er den Schatten gesehen, der sich von hinten näherte und ein Beil hob ...
 

Kommentare:

  1. Uhhhh, das ist wirklich ein böses Ende! :D
    Auch sonst hat mich deine Geschichte gut unterhalten :)

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  2. Hallo Ni-Chan,
    muhahahah ich weiß ;) Freut mich, dass dir die Geschichte gefallen hat.
    Happy Halloween! :)
    Myna

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